GGAP e.V. Osterrundbrief

Berlin, den 30.03.2021
Liebe Freunde und Freundinnen der Philippinen,

Aufgrund der vorösterlichen Zeit soll es heute wieder einen Rundbrief geben. Durch die coronabedingten Verspätungen mit der Wiederaufnahme der Berufsausbildungen im Spätsommer und Herbst gibt es seit dem letzten vorweihnachtlichen Rundbrief noch keinen neuen Jahrgang, der die Ausbildung gestartet hat. Wir hoffen, dass es im Juli wieder nach altem Zeitplan weitergeht.
Nachdem wir im März 2020 noch gerade vor dem Lockdown unsere Mitgliederversammlung abhalten konnten, hatten wir Anfang des Monats unsere erste digitale Mitgliederversammung für 2021. Da wir nicht persönlich zusammenkommen konnten, gab es anstelle des üblichen landeskundlichen Vortrags zwei Filmempfehlungen im Stream über die Coronasituation vor Ort. Für Interessierte sind hier die beiden Links:

Eine ARTE-Reportage über die weitreichenden Folgen der Covid-Pandemie auf den Philippinen
für Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie:
Philippinen: Dutertes Methoden im Schatten des Virus – ARTE Reportage – Die ganze Doku
Eine englischsprachige Reportage über die medizinischen und sozialen Folgen von Covid-19:

Nebenthema ist auch die angespannte Menschenrechtssituation auf den Philippinen, die daher
Hauptthema dieser Rundmail sein soll.

Wie modern sind die Philippinen und ihre
Demokratie?
Hoffnungsträger der armen Landbevölkerung

Als Außenseiter des philippinischen Politikestablishments in Manila, als Vertreter des armen Südens und der einfachen Leute konnte sich Rodrigo Duterte im Stil eines Donald Trumps, allerdings schon vor diesem, im Sommer 2016 zum Präsidenten der Philippinen wählen lassen. Zugute kam ihm sein Image als Saubermann durch sein knallhartes Durchgreifen gegen die Drogenkriminalität in der Großstadt Davao-City, wo er mit kurzen Pausen seit 1988 Bürgermeister war. In den Pausen und danach übernahm seine Tochter das Bürgermeisteramt, ein Sohn war Vizebürgermeister, schon die Mutter und der Vater von Duterte waren als Bürgermeister/ Gouverneure in Davao tätig. Seine Anhänger halten ihm zu Gute, dass er das einst so unruhige Davao – ein Ort von Bombenanschlägen durch
muslimische Untergrundgruppen, die für ein unabhängiges Mindanao kämpfen, zur „sichersten und saubersten Stadt“ des Landes gemacht habe. Weniger wichtig war für seine Wähler das „Wie“. Drogen und Kleinkriminalität wurden rabiat bekämpft, auch unter Zuhilfenahme von paramilitärischen Gruppen, die ohne Verantwortung vor dem Gesetz eine Lynchjustiz durchführten. Seine Todesschwadrone sollen schon damals über 1000 extralegale Hinrichtungen durchgeführt haben. Im Wahlkampf brüstete sich Duterte damit, selbst 3 Kriminelle erschossen zu haben. Er kündigte an, als Präsident 100.000 Kriminelle zu eliminieren und forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe.
Gleichzeitig fällt Duterte immer wieder mit vulgären und abfälligen Bemerkungen über Frauen/ Opfer
von Vergewaltigungen auf.

Städtische Armut: Es besteht das Risiko Opfer von
Drogenkriminalität zu werden, aber auch das eigene
Familienmitglieder Mitglied (und Opfer) einer
kriminellen Gruppe werden zugleich. Hier leben
viele, die Duterte einst gewählt haben, aber auch die
meisten Opfer seines Drogenkrieges.
Gurtpflicht und Tempolimit wurden von Duterte
in Davao eingeführt, Dinge, die im Rest der
Philippinen kaum vorstellbar sind.

Seit seinem Amtsantritt hat ein bisher beispielloser „Krieg gegen Drogen“ begonnen, bei dem ohne Unterschied Kriminelle, meist eher die kleineren Drogenhändler und Drogenabhängige ohne Rechtsverfahren und Anhörung von Polizei, Militär oder paramillitärischen Killerkommandos erschossen werden. Inzwischen sind weit über 6000 Menschen ohne Verfahren nachweislich umgebracht worden, mindestens 120 davon noch minderjährig; Menschenrechtsorganisationen gehen von einer hohen Dunkelziffer und insgesamt ca. 30.000 Opfern aus.
Gleich nach Amtsantritt verglich sich Duterte mit Hitler, indem er vorgab die 3 Millionen Drogenabhängigen auf den Philippinen auslöschen zu wollen, ähnlich wie beim Holocaust an den Juden. Im Ausland sorgte dies für einen Aufschrei, im Inland hat Duterte gerade unter den Armen und somit auch Ungebildeten weiterhin einen guten Ruf, sofern sie und ihre Kinder nicht selbst Opfer des Krieges gegen die Drogen werden. Viele sehen in ihm weiterhin den unkonventionellen Politiker, der sich für „den kleinen Mann“ einsetzt.
Inzwischen wird der Krieg gegen Drogen und der Kampf gegen Covid 19, über letzteres haben wir schon ausführlich berichtet, auch dazu genutzt, um gegen politische Gegner vorzugehen. Seit Juli 2020 hilft ein weiteres Gesetz politische Gegner einzuschüchtern, das Anti-Terror-Gesetz.
Journalisten die über die Morde in den Slums berichten werden (im Netz) bedroht, verfolgt, mit fingierten Anschuldigungen z.B. „wegen Drogen- oder illegalen Waffenbesitz, Verleumdung oder Steuervergehen“ und durch Prozessen zermürbt, inhaftiert oder sterben aus „mehr oder weniger“ unerklärlichen Gründen. Auch Gewerkschafter und Kirchenvertreter leben gefährlich. Ausländische Ordensleute oder NGO-Mitglieder, die ihre Stimme gegen das Unrecht erheben, werden des Landes verwiesen. Die ehemalige Justizministerin des Landes und Vorsitzende der
Menschenrechtskommission Leila de Lima sitzt seit 2017 in Untersuchungshaft wegen angeblichen Drogenbesitzes. Sie hatte zuvor die „Illegal Killings“ von Duterte parlamentarisch untersuchen lassen wollen.

Reporter ohne Grenzen haben kürzlich die mutige Journalistin Maria Ressa, die schon mehrfach verhaftet und im Gefängnis war und gegen die derzeit 8 fingierte Verfahren mit einer Gesamtfreiheitsstrafe von 16 Jahren laufen, kürzlich für den Friedensnobelpreis 2021 vorgeschlagen.
Während Dutertes Mutter als Vizebürgermeisterin von Davao noch eine führende Persönlichkeit in der Widerstandsbewegung „Gelber Freitag“ gegen den Diktator Ferdinand Marcos (1965-86) war, ist dieser für ihren Sohn ein ungeniert genanntes Idol. Duterte wurde noch demokratisch gewählt, inzwischen sind die Philippinen wieder auf dem Weg zur Diktatur. Laut Verfassung darf Duterte 2022 bei der nächsten Wahl nicht erneut kandidieren, aber seine Tochter ist in Umfragen aussichtsreiche Kandidatin, so dass der inzwischen 76-jährige rechtlicher Verfolgung im Inland oder im Ausland (Den Haag!) sicher sein dürfte.

Nur eine gut ausgebildete Jugend verhindert,
dass Despoten wie Duterte an die Macht
kommen können.
Das ist kein Urlaubsparadies sondern ein
Fischerdorf mit harter Lebensrealität auf einer
kleinen Insel vor Mindanao

Durch seine Kompromisslosigkeit gefährdet er auch andere kleine Fortschritte z.B. im Friedensprozess mit den marxistischen Rebellen (NPA) und den islamistischen Unabhängigkeitsbewegungen in Mindanao. Zwischenzeitlich galt auf Mindanao wieder Kriegsrecht. Indigene Minderheiten verdächtigt er mit den kommunistischen Rebellen zusammenzuarbeiten. Ihre Schulen werden mit der Begründung geschlossen, dass hier nur Kommunismus verbreitet würde. Wenn sie sich gegen Abholzung ihrer Heimat, Bergbau- oder Staudammprojekte in ihrem Stammesland
wehren kommen brutale Killerkommandos. So sind erst im Dezember 2020 und Februar 2021 an den Tumandok auf der Insel Panay, gar nicht soweit entfernt von unserem Zentrum in Dumangas, zwei Massaker verübt worden, die sich gegen ein Staudammprojekt und Zwangsumsiedlungen wehrten.
Leider ist auch die Coronasituation weiterhin hoffnungslos. Die regionalen Lockdowns werden nur allmählich gelockert. Die Philippinen sind das Land, das als letztes Land Südostasiens Impfstoffe besorgt hat, von Sinuvac aus China mit nur 50% Wirksamkeit. Die soziale Schieflage im Land hat sich weiterhin verschärft.
Unsere Jugendlichen werden mit den Berufsausbildungen fertig, aber das praktische Halbjahr im Anschluss, das auch Voraussetzung zur Graduierung ist, findet oft nicht mehr in großen Betrieben und Unternehmen statt, von denen stets ein Großteil der gut ausgebildeten Berufsschüler anschließend übernommen wurden, sondern muss in den Don-Bosco-Zentren improvisiert werden. Die Corona-Beschränkungen haben Reisen durch Land weiterhin sehr limitiert, neue Mitarbeiter werden nicht mehr angestellt. Dies hat auch unser Projekt zurückgeworfen. Hatten wir doch angefangen, neue Stipendiaten moralisch zu „verpflichten“ 1% des Gehalts der ersten drei Arbeitsjahre zurück an ihr ausbildendes Zentrum zu spenden, damit dieses damit neue Stipendien vergeben kann und somit Nachhaltigkeit vor Ort geschaffen wird. Viele können sich auch das nicht leisten, da sie, einmal in Brot und Beruf für ihre ganze Großfamilie für Finanzierungen angesprochen werden, so dass wir auch alternativ soziales Engagement akzeptieren. Aus Mati, wo 2020 noch die Rückmeldung kam, dass 40% im letzten Jahr und 20% in den letzten 3 Jahren entsprechend zurückgezahlt hätten, womit 15 neue Stipendien vergeben werden konnten, kam jetzt dies Rückmeldung, dass vom letzten Jahrgang nur ein einziger Abgänger direkt einen Beruf im Ausbildungsfach gefunden habe und dieser zurückzahlt.
Trotzdem sind Ihre und Eure Hilfen nicht umsonst, denn das ist ja eine landesweite Situation auf den Philippinen, wo nach der Krise ebenfalls wieder die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften bestehen wird. Viele Jugendliche lernen bei Don-Bosco auch nicht nur für den Beruf, sondern fürs Leben.
Wir danken allen Philippinen-Unterstützern/Innen für das Vertrauen in unsere Arbeit und die andauernde Unterstützung.
Im September 2021 wird unser kleines Projekt 20 Jahre alt werden. Als kleiner Verein, der weiterhin 100% aller Spendengelder direkt vor Ort in Bildung investiert, wird es dazu keine große PR-Aktion geben. Die Information soll Euer und Ihr Vertrauen in unsere Arbeit nur ein wenig bestärken und zeigen, dass wir inzwischen auch „etwas Erfahrung“ gesammelt haben.

Als kleines Dankeschön noch ein schönes Abschlussfoto.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Gerne darf diese Rundmail weitergeleitet werden.
Vielen herzlichen Dank und herzliche Grüße
Sebastian Spinner im Namen des Vorstands

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