Proyecto Ijat´z – Rundbrief

Liebe Freundinnen und Freunde,
Förderinnen und Förderer unseres Stipendienwerkes,

die Covid-19 Pandemie geht in ihr zweites Jahr. Wie fast überall auf dem Erdball, so auch in Guatemala, ist die Diskussion um das Impfen und die Beschaffung des Impfstoffs in vollem Gange. Angesichts der “dritten Welle” wurden vor wenigen Tagen Beschränkungen wieder etwas verschärft, wenn auch nicht so strikt wie noch beim Lockdown vor einem Jahr. Seit dem ersten offiziell bekannten Fall am 13. März 2020 haben sich bis heute rund 217.000 Guatemalteken infiziert und mehr als 7.300 Menschen starben an bzw. mit dem Virus. Erste Impfstoffspenden aus Israel und Indien sowie durch das Programm WHO-Programm Covax sind bereits im Land eingetroffen, und man hat mit den Impfungen beim medizinischen Personal begonnen. Auch unsere ehemalige Stipendiatin Ana Cristina Pérez López (dritte von links auf dem Foto), Stipendiatin von 2014 bis 2019, die als Krankenschwester in einem Kinderkrankenhaus in Guatemala Stadt arbeitet, erhielt bereits ihre erste Impfung.

Vor wenigen Wochen hat Ana die Rückzahlungsquote für ehemalige Studierende in Höhe von Q9.000,00 komplett getilgt und wurde als Mitglied im Verein Ijat´z aufgenommen. Wir freuen uns sehr, dass sie so unserem Projekt weiter verbunden bleibt und sich vielleicht auch in naher Zukunft im ehrenamtlichen Vorstand engagieren wird. Das Einbinden ehemaliger StipendiatInnen ist uns bei Ija`tz ein besonderes Anliegen.
Wann die Impfung der breiten Bevölkerung beginnen wird, ist noch nicht ganz klar. Es kursieren widersprüchliche Nachrichten. Inzwischen können sich Personen über 70 Jahre online über das Gesundheits-ministerium registrieren und für eine Impfung vormerken lassen. Die Regierung gab bekannt, dass Ende April das erste Kontingent der bestellten 16 Mio. Einheiten des russischen Impfstoffs Sputnik in Guatemala eintreffen wird. Es wird aber längere Zeit dauern, bis ein Großteil der etwa 16 Mio Guatemalteken geimpft sein wird.
Rundbrief April 2021 – Seite 2
Gerade unter der indigenen Bevölkerung ist die Verunsicherung und die Skepsis in Bezug auf das Impfen und damit auch die Impfunwilligkeit relativ groß. Dies hat mehrere Gründe. Einer davon sind schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit, z.B. durch Menschenversuche der USA in den 40iger und 50iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als man 1.300 Guatemalteken -ohne ihr Wissen, um sie angeblich zu impfen- bewusst mit Geschlechtskrankheiten infizierte, an deren Folgen mindestens 83 Menschen starben und viele ihr Leben lang litten. StipendiatInnen und MitarbeiterInnen erzählen mir von immer mehr Menschen in ihren Dörfern, die der Impfkampagne sehr kritisch bis abweisend gegenüber stehen, vor allem in extrem religiösen Kreisen. Insbesondere in evangelikalen Freikirchen nimmt die Zahl der Menschen zu, die das Tragen von Schutzmasken oder Schutzmaßnahmen allgemein ablehnen, denn es gilt das Credo, wer wahrhaft auf Gott vertraue und an ihn glaube, den wird Gott nicht mit dem Virus anstecken. Dieser religiöser Eifer, der blind macht für die Realität und Covidinfektionen als Gottesurteil ansieht, ist gefährlich. In den Gesprächen mit MitarbeiterInnen und Studierenden höre ich immer wieder von solchen Beispielen. Auch unsere Mitarbeiterin Juana Maldonado erzählte mir vor einigen Tagen, dass ein Cousin Juanas Mutter in Quiché aufsuchte und ihr dringend davon abriet, sich impfen zu lassen, denn wenn sie es täte, würde sie innerhalb kürzester Zeit sterben, da alle Impfstoffe des Teufels seien. Es zeigt sich einmal mehr, dass Aufklärung und Bildung notwendiger denn je sind, um blindem (Aber-)Glauben entgegenzuwirken, der leider weit verbreitet ist und der in Pandemiezeiten unter Umständen genau so ansteckend ist wie das Virus selbst. Hinzu kommt, dass sich im Laufe der Geschichte weite Teile der armen und benachteiligten Bevölkerung so gut wie nie auf den Staat und seine Institutionen verlassen konnten und von jeher ein großes Misstrauen besteht. Covid-19 hat in vielen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens für drastische Veränderungen gesorgt, so auch in der Bildung. Der Einsatz von Computern, Apps und Lernplattformen aller Art sind auch in Guatemala Standard geworden und trennen inzwischen die Lernenden in zwei Kategorien. Wer die neuen digitalen Plattformen und deren Einsatz beherrscht, gehört zu den Gewinnern, dem (höhere) Bildung offen steht. Wer sie nicht beherrscht, dem sind höhere Bildungsmöglichkeiten und damit langfristig gute Chancen auf dem formellen Arbeitsmarkt verwehrt.

Seit nunmehr 13 Monaten sind so gut wie fast alle Schulen des Landes für Präsenzunterricht geschlossen; auch die Universitäten bieten Vorlesungen und Seminare fast ausschließlich online an. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hat zu einem Einbruch der SchülerInnenzahlen im vergangenen Jahr geführt, weil die Familien finanziell noch weniger Geld für Bildung übrig hatten und auch, weil viele SchülerInnen über Monate keinen regelmäßigen Unterricht erhielten oder, wenn überhaupt, nur (Haus)Aufgaben zugeschickt bekamen. Im vergangenen Schuljahr wurden per Beschluss des Bildungsministeriums alle SchülerInnen versetzt, unabhängig vom Wissensstand. Es ist zu befürchten, dass, wenn die Pandemie auch im gesamten Jahr 2021 durch unregelmäßigen Unterricht fortgesetzt wird, eine Generation heranwächst, die zwar formell einen Bildungsabschluss erlangt haben wird, aber weder ausreichende Kenntnisse erworben, noch ein Minimum an Praxiserfahrung gesammelt haben wird. Vor wenigen Tagen habe ich voller Bestürzung in einer großen Tageszeitung von einer Untersuchung über die Auswirkungen der Pandemie auf den Bildungsstand der SchülerInnen in den Ländern Lateinamerikas gelesen, der von der Weltbank in Auftrag gegeben wurde.

Bereits vor der Pandemie war Guatemala eines der Schlusslichter des Kontinents: 70% der Schülerinnen und Schüler lagen unterhalb des minimalen Kenntnisstandes. Sie waren z.B. nicht in der Lage, einen mittelschweren Text zu verstehen und dessen zentrales Thema zu erfassen. Sie waren auch nicht in der Lage, das Gelesene näher zu analysieren oder kritisch zu hinterfragen. Nach 13 Monaten mit nur eingeschränktem Unterricht ist diese Zahl für Guatemala auf 80% gestiegen und es ist zu befürchten, dass je länger der schulische Lockdown anhält, dieser Anteil auf 90% steigen könnte! Das sind alarmierende Ergebnisse mit weitreichenden negativen Auswirkungen für die Gesellschaft insgesamt: eine Form von postmodernem Analphabetismus. Dies betrifft wieder einmal in besonderem Maße die bereits vor der Pandemie schon benachteiligten jungen Menschen aus armen und indigenen Familien, die aus bildungsfernen Elternhäusern dringend auf die schulische Bildung angewiesen wären. Aus diesem Grund setzen wir die seit langem existierende Initiative bei Ija`tz fort, dass wir jedem/jeder StipendiatIn regelmäßig etwas zum Lesen geben; statt Bücher verschicken wir in diesen besonderen Zeiten Texte und Kurzgeschichten per E-Mail, damit die Lesegewohnheit nicht verloren geht und bei neuen StipendiatInnen angeregt wird.
Der vom Bildungsministerium verordnete virtuelle bzw. hybride Unterricht (teils virtuell teils präsenziell), funktioniert nach unseren Beobachtungen in der Praxis kaum. Vielen SchülerInnen aus benachteiligten Familien fehlt zu Hause ein guter Internetzugang oder ein Computer bzw. ein Smartphone. Und selbst wer dies hat, der ist durch das zum Teil schwache Netz in einigen Teilen des Landes benachteiligt. Einige unserer StipendiatInnen mussten bei unserem virtuellen Jahrestreffen auf einen Hügel in der Nähe ihres Hauses klettern, um eine halbwegs gute Verbindung bzw. die Möglichkeit zu haben, an diesem Treffen teilzunehmen. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, sich täglich für Stunden stabil in Bildungsplattformen einzuloggen.

Trotz aller Herausforderungen sind wir mit 54 StipendiatInnen ins Jahr 2021 gestartet, darunter 14 Neuen. Unter ihnen ist auch mit Juan Arnoldo Gutiérrez Gómez aus dem Ort Zacualpa in Quiché ein alter Bekannter (siehe Foto rechts), der 2019 als Ija`tz-Stipendiat sein (Fach)Abitur gemacht hat und nun voller Tatendrang sein Pädagogikstudium an der San Carlos Universität in Santa Cruz del Quiché begonnen hat. Juan hatte im vergangenen Jahr seiner Familie in der Landwirtschaft geholfen und nicht unmittelbar nach dem Abitur mit dem Studium begonnen. Juans Studienbeginn mitten in der Pandemie steht sinnbildlich für die Hoffnungen und Wünsche vieler junger Guatemalteken: ein Schritt in eine bessere Zukunft.


„Ijatzianer“ siegen mit ihrem Projekt DDASO bei ActInSpace


v.l.n.r. Paola Son, Aníbal Telón, Alicia Simón, Angel Pichiyá

Zum Ende des vergangenen Jahres gab es auch eine sehr erfreuliche Nachricht. Die „Ijatzianer“ Alicia Simón Sisimit (Kommunikationswissenschaften) und Aníbal Tzaj Telón (Agraringenieurwesen) waren Teil eines interdisziplinären Teams aus ihrem Heimatort San José Poaquil / Provinz Chimaltenango, das sich mit ihrem Projekt „DDASO“ (Abkürzung des spanischen Projektnamens: Implementation von Drohnen zur Sammlung von Daten für die nachhaltige Landwirtschaft in indigenen Gemeinden) beim internationalen Wettbewerb ActIn Space gegen andere Projekte aus Lateinamerika durchsetzte, u.a. aus Mexiko und Ecuador. ActIn Space ist ein Wettbewerb der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA), der im Rahmen eines „Hackathon“ den Einsatz von Technologien zu Gunsten indigener Gemeinden fördert.
Ein Hackathon (Wortschöpfung aus „Hack“ und „Marathon“) ist eine Soft- und Hardwareentwicklungsveranstaltung, bei der innerhalb der Dauer dieser Veranstaltung, meistens zwischen 24 und 48 Stunden, in einem Team nützliche, kreative und/oder unterhaltsame Softwareprodukte herzustellen oder Lösungen für gegebene Probleme zu finden. Beim Projekt DDASO, bei dem neben unseren beiden „Ijatzianern“ auch zwei weitere junge Leute aus dem Bereich Informatik mitmachten, handelt es sich um den Einsatz von Drohnen zur Gewinnung von Informationen und zur Analyse der Bodenbeschaffenheit in der Landwirtschaft am Beispiel des Ortes San José Poaquil. Die gesammelten Daten sollen insbesondere den Kleinbauern und Kooperativen des Ortes zur Verfügung gestellt werden. Ein weiteres Ziel des Projektes ist es, die Auslaugung des Bodens zu verhindern und somit die natürlichen Ressourcen und die Fruchtbarkeit der Anbauflächen zu bewahren. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es auch das alte Wissen der Maya-Vorfahren einbindet und somit einen ganzheitlichen Ansatz von Technologie, moderner Landwirtschaft und traditionellem Wissen verfolgt. Das Projekt, das die vier jungen Kaqchikeles entwickelten, steht nun vor der Test- und Umsetzungsphase. Die Universität San Carlos und USAid haben bereits ihr Interesse an dem Projekt gezeigt.

Christian Stich, Projektleiter

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